Leseprobe


Nachtfalter – Hauchzartes Band (Band 1)


 

Prolog

Als sie die Augen öffnete, wirbelte der kleine Nachtfalter in ihrem Blickfeld herum. Amberly konzentrierte sich ganz auf die Figur, die sie drei Meter über dem Boden, nur an Vertikaltücher geklammert, aufführen musste. Jeder Griff saß perfekt. Sie konnte die einstudierte Luftakrobatiknummer im Schlaf ausführen. Selbst mit geschlossenen Augen hatte sie keine Angst, so weit über dem Boden zu schweben. Hoch oben in der Luft war sie ganz in ihrem Element. Nirgends fühlte sie sich wohler.

Sie ignorierte das Klatschen und die Pfiffe der Leute, blinzelte mehrmals in das blendende Licht und ließ sich einen Meter nach unten fallen. Das Tuch wickelte sie präzise um ihre Beine, verbog grazil ihren Körper. Amberly genoss das Gefühl, ganz in ihrer Welt zu sein.

Ihr dunkles Haar war zu einer aufwendigen Frisur hochgesteckt und mit glitzernden Perlen verziert. Sie trug einen fliederfarbenen Body, der sich eng an ihre Haut schmiegte und ihr jede Freiheit gewährte.

Die Luftakrobatik verlangte ihrem zarten Körper einiges an Kraft ab, aber sie trainierte seit Jahren, sodass diese Kunst für sie ein Leichtes war.

Die sanfte Musik aus den Lautsprechern, die das Varieté Traumfänger beschallte, wurde langsamer und die Lichter, die auf sie gerichtet waren, schwächer. Ihr akrobatischer Tanz in der Luft war vorüber.

Ihre Augen folgten den aufgeregten Flügelschlägen des Nachtfalters, bis er sich plötzlich in Luft auflöste. Das kannte sie bereits. Seit einiger Zeit tauchte der Falter immer bei ihren Auftritten auf.

Amberly spürte instinktiv, dass sie beobachtet wurde. Aber so oft sie ihren Blick auch über das Publikum gleiten ließ, nie hatte sie während der letzten Shows eine auffällige Gestalt entdecken können. Sie konnte sich nicht erklären, wo dieses seltsame Gefühl herrührte, das durch ihre Glieder kroch. Aber sie wusste, dass es jemanden gab, der aus einem Grund, der ihr schleierhaft war, Interesse an ihr hatte. Und es würde nicht mehr lange dauern, bis er sich ihr zeigte.

 

© Everly Sheehan – NACHTFALTER – Hauchzartes Band, 2016

 

 

 


 Nachtfalter – Entfesselte Liebe (Band 2)


 KAPITEL 1

Sehnsüchtig starrte Amberly den blass rosafarbenen Stein des Rings an, als der Nachtfalter sich darauf niederließ. Seine Flügel, die er im nächsten Moment zusammenklappte, schimmerten silbern. Unwillkürlich lächelte Amberly. Sie spürte, dass Kreston zurück war, noch bevor er das Anwesen betrat. Wenn sie die Augen schloss, erkannte sie das leuchtende Band zwischen ihnen. In seiner Nähe durchströmte sie eine ungewöhnliche Wärme. Sie fühlte sich, als sei sie angekommen, so als hätte sie einen Teil ihrer Selbst gefunden. Ab und an gelang es ihnen sogar, in Gedanken miteinander zu kommunizieren. Seitdem Amberly das magische Band fühlen konnte, war sie erleichtert – und restlos verliebt.

Allerdings war die Gefahr, die von den Jägern ausging, noch nicht gebannt. Bei allem, was sie taten, mussten sie vorsichtig sein.

Rasch wandte Amberly den Blick vom Falter ab, der davonflog, während sie vom Sessel aufstand und in Richtung Haustür lief. Als sie Kreston erblickte, warf sie sich stürmisch in seine Arme.

»Da bist du ja endlich!«, sagte sie, atmete seinen vertrauten Duft nach Sandelholz ein und küsste ihn.

»Wenn ich jedes Mal so freudig begrüßt werde, muss ich mir wohl überlegen, öfter fortzugehen«, erwiderte Kreston grinsend.

»Besser nicht. Hast du alle Vorbereitungen getroffen?«, fragte Amberly. Nachdem sie eingewilligt hatte, mit ihm die Bindung einzugehen, machte Kreston um die Zeremonie ein großes Geheimnis. Andauernd sagte er, dass er noch etwas erledigen müsse, verriet aber nie, worum es sich dabei handelte.

»Es läuft alles wie geplant.«

»Erzählst du mir nun endlich, was du die ganze Zeit treibst, während ich hier allein rumhocke?«, quengelte Amberly.

Kreston schüttelte den Kopf. »Dann wäre es keine Überraschung mehr.«

Amberly verbrachte die meiste Zeit im Anwesen, anstatt im Wohnheim oder bei Tillie. Vor allem, wenn Kreston und Devon nicht zu Hause waren, weil es dort aufgrund der Sicherheitsvorkehrungen am sichersten für sie war. »Ich möchte nicht bis zum Ende meiner Tage im Anwesen bleiben müssen«, protestierte Amberly.

»Nicht bis zum Ende deiner Tage, nur bis zur Zeremonie. Du weißt doch, solange wir nicht wissen …«

»Ob die Jäger Wind davon bekommen haben, dass wir es waren, die die Seherin befreit haben, müssen wir auf der Hut sein. Ja, ja, das sagst du ständig«, beendete Amberly Krestons Satz. Leise grummelte Amberly vor sich hin und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Du wirst schon früh genug erfahren, was Tara, Amira und ich für die Zeremonie planen und das Anwesen auch wieder verlassen dürfen«, entgegnete Kreston augenzwinkernd und strich ihr zärtlich eine dunkle Strähne aus dem Gesicht.

© Everly Sheehan – NACHTFALTER – Entfesselte Liebe, 2017

 

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